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Nachhaltigkeit · HafenCity

Was im Abfluss bleibt: Kosmetik in einer Stadt am Wasser

Jede Spülung endet irgendwo. Welche Inhaltsstoffe die Klärstufen passieren, welche nicht und wo der Unterschied zwischen Haltung und Wirkung liegt.

Schaum und Pflegereste laufen in einen Abfluss aus gebürstetem Metall, Wasserschlieren glänzen im tiefen Halbdunkel
KI-generiertes Bild

Eine Haarkur wirkt fünf Minuten und verschwindet dann in dreißig Sekunden im Abfluss. In einer Stadt, deren Selbstbild an Hafen, Elbe und Wasser hängt, ist das ein bemerkenswert kurzer Weg: von der Dusche in Altona in die Kanalisation, durch die Klärstufen und wieder in einen Fluss, an dem am Wochenende dieselben Menschen spazieren gehen, die morgens geduscht haben.

Über Kosmetik und Umwelt wird meistens mit großen Begriffen gesprochen. Nützlich wird die Frage erst, wenn man sie klein macht: Welcher Stoff landet in welcher Menge im Wasser, und was passiert dort mit ihm.

Die Unterscheidung, die alles ordnet

Bevor es um einzelne Inhaltsstoffe geht, lohnt eine Sortierung, die in der Diskussion fast immer fehlt: Rinse-off gegen Leave-on.

Rinse-off-Produkte (Shampoo, Duschgel, Spülung, Reinigungsschaum, Maske) sind dafür gemacht, ausgespült zu werden. Was Sie auftragen, geht nahezu vollständig und innerhalb von Minuten ins Abwasser. Leave-on-Produkte (Creme, Serum, Leave-in, Sonnenschutz, Make-up) bleiben zunächst auf Haut oder Haar. Ein Teil zieht ein, ein Teil wird an Kleidung und Handtücher abgegeben, der Rest landet später beim Abschminken oder Duschen ebenfalls im Wasser, aber verzögert und in geringerer Menge.

Diese Unterscheidung ist wichtiger als fast jede Zutatendebatte. Ein Stoff, der in einem Leave-on-Produkt aus Umweltsicht kaum eine Rolle spielt, kann in einem Shampoo relevant werden. Schlicht, weil die gesamte aufgetragene Menge direkt in den Abfluss geht.

Mikroplastik ist nicht gleich Mikroplastik

Unter diesem Wort werden zwei sehr verschiedene Dinge geführt, und die Vermischung macht die Debatte unbrauchbar.

Das eine sind feste Partikel: Kügelchen und Granulate, wie sie in mechanischen Peelings, teilweise in Duschgels und in dekorativer Kosmetik verwendet wurden. Sie sind fest, sichtbar oder mikroskopisch klein, werden ausgespült und können in Klärwerken je nach Größe nur teilweise zurückgehalten werden.

Das andere sind gelöste oder gelartige synthetische Polymere. Sie sind keine Partikel, sondern Bestandteile der Textur: Sie verdicken, stabilisieren Emulsionen, bilden Filme, sorgen für das Gefühl beim Auftragen. Sie sind funktional oft kaum ersetzbar und werden von den meisten Menschen gar nicht als Kunststoff wahrgenommen, weil sie flüssig oder gelartig vorliegen.

Beides sind synthetische Polymere. Ihr Verhalten im Wasser, ihre Abbaubarkeit und ihre Bewertung unterscheiden sich aber erheblich. Wer die feste Sorte vermeidet, hat etwas getan und nicht automatisch das andere Thema miterledigt.

Silikone, nüchtern eingeordnet

Silikone sind chemisch stabil. Genau das ist ihre Qualität: Sie oxidieren nicht, werden nicht ranzig, verändern sich über die Laufzeit eines Produkts nicht. Und genau das ist aus Gewässersicht der Einwand, denn biologisch werden sie nur langsam abgebaut.

Aus der Rinse-off-Logik folgt daraus eine differenzierte Bewertung. In einer Spülung oder einem Shampoo geht die eingesetzte Menge vollständig ins Abwasser, Woche für Woche. In einem Leave-on-Produkt, das in kleiner Menge auf dem Haar bleibt und dort seine Aufgabe erfüllt, ist die Bilanz eine andere. Das ist kein Freibrief und keine Verurteilung, sondern der Punkt, an dem eine Entscheidung überhaupt erst sinnvoll getroffen werden kann.

Ähnlich verhält es sich mit Tensiden. Sie sind der mengenmäßig größte Posten in fast jedem Rinse-off-Produkt. Moderne Tenside sind überwiegend gut biologisch abbaubar, und die Klärstufen sind auf sie eingerichtet. Sie sind seit Jahrzehnten der Hauptbestandteil dessen, was aus Haushalten kommt. Bei UV-Filtern ist die Lage sachlich offener: Ein Teil ist stabil, ein Teil wird abgebaut, und die Bewertung einzelner Substanzen im Gewässer wird fachlich diskutiert. Wer daraus Alarm macht, überzeichnet; wer die Frage für erledigt erklärt, ebenfalls.

Ein eigener Strang ist das Abwasser aus Salons. Dort fallen Farbreste, Oxidationsmittel und Blondiermittel in konzentrierter Form an, nicht in Haushaltsmengen, und sie werden über wenige Waschbecken abgeführt statt über tausend Haushalte verteilt. Betriebe, die sich damit befassen, arbeiten mit Filtersystemen am Abfluss, sammeln Reste getrennt und dosieren Farbe genauer. Bemerkenswert ist, dass der handwerklich saubere Ansatz und der ökologische hier zusammenfallen: Wer eine Farbe präzise anmischt, wirft am Ende weniger weg. Das ist eine Frage der Fachkunde, nicht der Haltung.

Der Zielkonflikt, den man nicht wegreden sollte

Es gibt Alternativen mit ähnlicher Funktion: Pflanzenöle und Ester statt schwerer abbaubarer Silikone, leichtere Filmbildner aus natürlichen Quellen statt synthetischer Polymere. Sie funktionieren, aber sie funktionieren anders.

Und hier wird es in dieser Stadt konkret. Die Aufgabe, die Silikone gut erfüllen, ist das Abdichten der Faser gegen Luftfeuchtigkeit: sie verlangsamen den Wasseraustausch zwischen Haar und Umgebung in beide Richtungen. Genau das ist im Hamburger Feuchtklima der entscheidende Anti-Frizz-Mechanismus, wie wir in Frizz bei Elbwind beschrieben haben. Pflanzenöle leisten das teilweise, aber weniger gleichmäßig und weniger dauerhaft; sie ziehen ein, sie verteilen sich anders, sie beschweren feines Haar schneller.

Das heißt nicht, dass man nicht wechseln sollte. Es heißt, dass ein Wechsel im Küstenklima ein spürbarer Kompromiss sein kann und man ihn besser bewusst eingeht, als sich hinterher zu wundern. Ein Produkt, das man drei Mal benutzt und dann wegstellt, ist die schlechteste aller Varianten.

Was tatsächlich Wirkung hat, nach Hebel geordnet

Die ehrliche Rangfolge sieht anders aus, als die Verpackungen vermuten lassen.

Menge vor Marke. Die häufigste Überdosierung im Bad ist Shampoo. Ein haselnussgroßer Klecks reinigt kurzes bis mittleres Haar vollständig; alles darüber wird ungenutzt weggespült und erhöht nur die Fracht.

Aufbrauchen vor Optimieren. Jedes halb genutzte Produkt im Schrank ist bereits produziert, verpackt und transportiert worden. Es zugunsten einer besseren Alternative auszusortieren, verbessert die Bilanz nicht.

Rinse-off bewusst wählen. Wenn Sie sich um Inhaltsstoffe kümmern wollen, fangen Sie bei den Produkten an, die in den Abfluss gehen, nicht bei der Nachtcreme.

Mechanik ersetzen. Ein Waschlappen, ein Reinigungstuch oder eine chemische Exfoliation leisten das, wofür Partikelpeelings da waren, ohne feste Partikel ins Wasser zu geben.

Temperatur und Dauer. Der größte Umweltposten beim Duschen ist in der Regel nicht der Inhalt der Flasche, sondern das warme Wasser, das währenddessen läuft.

Häufige Fragen

Filtern Klärwerke Kosmetikreste nicht ohnehin heraus? Klärwerke leisten sehr viel, aber nicht bei allem gleich gut. Gut abbaubare organische Stoffe werden weitgehend abgebaut, feine Partikel und sehr stabile Verbindungen sind schwieriger. Deshalb bleibt relevant, was überhaupt erst hineingeht.

Ist Naturkosmetik automatisch die umweltfreundlichere Wahl? Nicht automatisch. Natürlicher Ursprung sagt nichts über Abbaubarkeit, Flächenverbrauch im Anbau oder Transportwege aus. Umgekehrt kann ein synthetischer Stoff gut abbaubar und sparsam dosierbar sein. Die Frage lautet nicht natürlich oder synthetisch, sondern was in welcher Menge wohin geht.

Macht mein einzelner Haushalt überhaupt einen Unterschied? Für die Gewässerbelastung ist die Summe entscheidend, nicht die einzelne Dusche. Der Punkt, an dem eine persönliche Entscheidung wirklich zählt, ist die Kaufentscheidung. Sie wiederholt sich, sie summiert sich, und sie ist das Signal, auf das Hersteller reagieren.